Da die Vorlieben sehr verschieden sind, habe ich für ein paar Tipps zusammengestellt, die dir helfen, dein Motorrad zu finden, mit dem du am Anfang gut zurechtkommst und mit dem du auch längere Zeit viel Spaß haben kannst. Natürlich sind die Bedürfnisse von Menschen sehr unterschiedlich. Wenn dein Traummotorrad also nicht alle genannten Punkte zu 100 % erfüllt, ist das auch in Ordnung. Trotzdem möchte ich Dir ein paar Punkte an die Hand geben, die Dir bei der Auswahl helfen sollen.
1. Geringes Gewicht
Warum ist das ein wichtiger Punkt?
Das Gewicht spielt eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, wie einfach sich das Motorrad fahren lässt. Je leichter das Motorrad ist, desto einfacher ist es zu manövrieren und desto einfacher ist es, damit zu fahren. Ein geringes Gewicht ist vor allem für schmächtige Fahrerinnen und Fahrer ein großer Pluspunkt. Ein leichtes Motorrad lässt sich einfacher bewegen, auch im Stand. Und dieser Punkt ist in der Regel auch nicht zu unterschätzen. Denn früher oder später musst du dein Bike vermutlich mal schieben. Auch wenn es nur um fünf Meter aus einer Parklücke geht – oder um die zwei Meter, die es aus der Garage herausragt, bevor du losfährst. Je weniger Gewicht dein Motorrad auf die Waage bringt, desto einfacher ist diese Aufgabe zu bewältigen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ein Motorrad in solchen Situationen gerne mal etwas weiter kippt, als man denkt. Deshalb ist es von Vorteil, wenn das Motorrad ein geringes Gewicht hat, was das Rangieren erleichtert. Wenn das Motorrad doch mal umfallen sollte, ist es natürlich von Vorteil, wenn es nicht 300 kg wiegt. Und auch während der Fahrt ist es von Vorteil, wenn das Bike genauso wendig ist wie ein Fahrrad, weil du so weniger Masse bewegen musst.
Ein geringes Gewicht ist also immer von Vorteil, nicht nur beim Fahren, sondern auch beim Rangieren. Das Gewicht deines Motorrads zu verändern, ist ziemlich schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. Daher ist es besonders wichtig, dass du auf dieses Kriterium achtest.
2. Niedrige Sitzhöhe
Ist eine niedrige Sitzhöhe immer besser für Anfänger? Die Sitzhöhe ist zwar nicht immer das Problem, trotzdem achten Neulinge in der Regel auf diesen Punkt. Denn ein Sitz, der zwar relativ niedrig ist, aber sehr breit, ist oft schlechter als ein schmaler Sitz, der etwas höher ist. Hier mal kurz erklärt, worin der Unterschied zwischen Sitzhöhe und Schrittbogenmaß besteht:
Die Sitzhöhe zeigt dir, wie viel Abstand der Sitz zum Boden hat. Dabei spielt die Form des Sitzpolsters keine Rolle.
Das Schrittbogenmaß zeigt dir, wie weit der Boden auf der einen Seite vom Sitzpolster über die Bank bis zum Boden auf der anderen Seite entfernt ist. Speziell für Fahrerinnen und Fahrer, die etwas kleiner sind, ist es wichtig, auf die Form der Sitzbank zu achten.
Aber warum sollte man da überhaupt drauf achten? Denn du fühlst dich sicherer, wenn du mit einem oder sogar beiden Füßen auf den Boden kommst, zum Beispiel an einer roten Ampel. Wenn dein Traummotorrad nun etwas höher ist, kann ich dir aber auch ein paar Tricks empfehlen. Bei immer mehr Herstellern gibt es inzwischen niedrigere Sitzbänke, die oft noch etwas schmaler sind. Die Polsterung ist dann eben etwas weniger. Wenn du kein neues Motorrad hast, kannst du auch zum Sattler gehen und dir die Sitzbank umarbeiten lassen. Bei guten Sattler arbeiten oder neuen, niedrigen Sitzbänken ist der Komfort auch nicht zwangsläufig beeinträchtigt. Eine andere Lösung ist, das Motorrad tiefer zu legen. Dazu gibt es sogenannte Tieferlegungskits, mit denen die Umlenkung des Federbeins ausgetauscht wird. Das Wichtigste dabei ist, ein Kit mit einer Zulassung zu wählen, um Probleme bei der Eintragung bei einer Prüforganisation zu vermeiden. Diese Variante ist wohl die beliebteste, weil sie vergleichsweise günstig ist und bei Bedarf auch wieder entfernt werden kann. Der größte Nachteil ist aber, dass sich die Geometrie des Bikes stark verändert. Das hat dann natürlich auch Einfluss auf das Fahrverhalten. In den meisten Fällen wirkt das Motorrad dann etwas träger und man hat weniger Schräglagenfreiheit. Motorradstiefel sind eine weniger bekannte Hilfe. Manche Hersteller setzen nämlich auf hohe Absätze. Es gibt Modelle bis zu 6 cm Absatzhöhe, damit hast du mehr Kontakt zur Straße. Und ja, es gibt auch Modelle für Männer. Das hat keinen Einfluss auf das Fahrgefühl und hilft dir bei allen Motorrädern.
3. Das richtige Motorenkonzept
Welches ist das perfekte Motorenkonzept? Es gibt kein perfektes Konzept, aber es gibt einige entscheidende Unterschiede zwischen den Motoren, die du beim Fahren deutlich merkst und die auch deinen Fahrstil beeinflussen. Bei älteren Modellen ohne umfassendes Elektronikpaket kann das für Anfänger:innen auch mal nachteilig sein. Auch wenn das später vielleicht genau das ist, was dich daran reizt. Um herauszufinden, welches Konzept besser zu dir passt, musst du es selbst erleben. Ich gebe dir hier mal einen groben Überblick über die gängigsten Konzepte:
Dabei ist es wichtig, dass die Kubaturen vergleichbar sind. Es macht ja keinen Sinn, einen 125-ccm-Einzylinder mit einem 1800-ccm-Sechszylinder in Sachen Leistung und Drehmoment zu vergleichen.
Ich habe versucht, die gängigsten Konzepte für dich zusammenzufassen.
Einzylinder sind in der Regel in kleineren Hubräumen zu finden, aber auch bei einigen Supermotos und Enduros. Der Motor hat mehr Drehmoment bei niedrigen Drehzahlen und die maximale Drehzahl ist eher gering. Dadurch ist das nutzbare Drehzahlband sehr eng. Ich persönlich halte großvolumige Einzylinder nicht für die beste Wahl für Anfänger, auch wenn viele das anders sehen. Der Motor „hackt“ untenrum ziemlich stark auf den Antriebsstrang ein. Außerdem vibrieren Einzylinder oft ziemlich stark.
Zu den Zweizylindern zählen Boxer, V2-Motoren (bei denen die Gradzahl oft schwankt) und Reihenzweizylinder. Auch bei Reihenmotoren wird oft versucht, den Sound und die Charakteristik von V-Motoren mit einem so genannten Hubzapfenversatz zu imitieren. Boxer- und V-Motoren haben mehr Druck bei niedrigeren Drehzahlen, ähnlich wie Einzylinder. Sie erreichen aber meist höhere Drehzahlen, wodurch sich ein größeres nutzbares Drehzahlband ergibt. Zweizylinder haben ihre größte Stärke in der Drehzahlmitte, oben kommt oft nicht mehr allzu viel, sie sind also meist relativ einfach zu fahren. Sie nehmen relativ früh sauber Gas an und laufen dank Ausgleichswellen, wenn vorhanden, auch sehr rund.
Dreizylinder-Motoren haben das Zeug dazu, die besten Eigenschaften von 2- und 4-Zylindermotoren zu vereinen, ohne deren Nachteile zu übernehmen. Die Motoren sind meistens als Reihenmotor gebaut und klingen oft etwas rauer, aber sie laufen ruhiger als Zweizylinder. Der Motor hat noch ein nutzbares Drehmoment im unteren Drehzahlbereich und kann auch über das gesamte Drehzahlband noch an Leistung zulegen.
Vierzylindermotoren, die es auch als V4 oder Reihenmotor gibt, sind eigentlich der klassische Rennstreckenmotor. Unten eher schwach, dafür sind hohe Drehzahlen möglich und über die Drehzahl wird auch die hohe Spitzenleistung erzielt. Aber abseits der Rennstrecke ist der Motor oft etwas unpraktisch, weil man die Drehzahl dafür ziemlich hoch halten muss, wenn man aus der Kurve heraus beschleunigen will. Derzeit gibt es daher hauptsächlich Großhubraum-Viertakt-Motoren mit 4 Zylindern, meistens über 1000 ccm. Denn bei mehr als 150 PS hat man auch im niedrigen Drehzahlbereich genug Leistung. Die 600er Supersportler, die früher mal so beliebt waren, gibt es eigentlich alle nicht mehr und wurden durch weniger radikale Zweizylindermodelle ersetzt.
Zu guter Letzt gibt es auch noch den 6-Zylinder, sowohl als Boxer als auch als Reihenmotor. Dieser Motor ist äußerst laufruhig und gibt die Leistung sehr linear ab. Allerdings kommt der in der Großserie nur bei Motoren mit über 1600 ccm zum Einsatz, was für Einsteiger eher nicht geeignet ist. Außerdem sind das schwere Reisemotorräder.
Die Auswahl ist groß, weil es auch viele unterschiedliche Motorradgattungen mit unterschiedlichen Motorenkonzepten gibt. Da sollte auch für dich das Passende dabei sein. Aktuell verbreitet sich der Reihenzweizylinder immer weiter, und das aus gutem Grund. Er ist meist leichter, günstiger in der Herstellung und Wartung und fährt sich auch sehr angenehm. Besonders, wenn er mit einem Hubzapfenversatz einen V2 nachahmt.
4. Motorleistung
Wie viel Leistung muss ein Motorrad haben? Für viele Leute kommt hier schon die Führerscheinklasse als Entscheidungskriterium zum Tragen. Aber eins ist klar: Es müssen nicht unbedingt 200 PS plus sein, um auf der Landstraße Spaß zu haben. Mit den 48 PS der A2-Motorräder bist du auf Landstraßen im deutschsprachigen Raum schnell in Bereichen, die nicht mehr ganz legal sind. Bei Reisen zu zweit mit Gepäck kann es in den Alpen aber schon mal sein, dass du etwas Leistung vermissen wirst. Wenn du diesen Plan verfolgst und den entsprechenden Führerschein hast, würde ich dir zu etwa 100 PS raten. Das sollte auf der Landstraße locker reichen und lässt sich auch noch beherrschen, selbst ohne Traktionskontrolle. Klar macht mehr Leistung, wenn man genug Erfahrung hat, auch immer etwas mehr Spaß, aber man kann nicht sagen, dass 150 PS doppelt so viel Spaß machen wie 75 PS. Als Anfänger ist das vielleicht sogar ein bisschen überfordernd für dich, weil du so einen kraftvollen Motor wahrscheinlich noch nie gefahren bist. Hinzu kommt, dass die Gefahr, den Führerschein zu verlieren, größer ist, da man einfach schneller zu schnell unterwegs ist.
Wenn die Leistung nicht durch den Führerschein begrenzt ist, kannst du frei wählen, ob du ein Kleinkraftrad mit 15 PS oder einen Supersportler mit 220 PS möchtest. Es gibt eine riesige Auswahl auf dem Markt. Aber eines solltest du nicht vergessen: Eine hohe Leistung kann auch überfordern. Die schönste Alpenpässe erreichst du auch mit weniger Leistung.
5. Motorradgattung
Überleg dir vor dem Kauf, wozu du das Motorrad nutzen willst. Willst du damit in der Stadt pendeln, entspannte Tagestouren machen oder bist du auf dem Weg zu großen Reisen, vielleicht sogar auf unbefestigten Straßen? Natürlich eignet sich nicht jedes Motorrad für jeden Zweck. In der Stadt ist ein Roller vermutlich am praktischsten. Auf unbefestigten Wegen ist dagegen nur eine Reiseenduro sinnvoll. Wenn du gerne gemütlich durch die Landschaft cruist, könnte ein Cruiser das Richtige für dich sein. Wenn du gerne mit viel Schräglage unterwegs bist, könnte ein Naked Bike etwas für dich sein. Es gibt noch ein paar weitere Motorrad-Gattungen wie Chopper, Sporttourer und so weiter. Ich glaube, da sollte für jeden Fahrer oder jede Fahrerin etwas dabei sein. Denn du kannst ja auch mit dem Roller die Welt erkunden oder mit einem Highend-Supersportler zum Bäcker um die Ecke fahren, wenn das dein Traummotorrad ist.
Hier geht’s nur um deine Vorlieben und was du mit deinem Motorrad erleben willst. Überleg dir aber, ob du alles unbedingt gleich gewichten willst. Denn wenn du zu 90 % gemütliche Tagestouren machst und dann mal im Jahr eine größere Urlaubstour planst, macht es Sinn, sich auf den Hauptzweck zu fokussieren.
6. Elektronik
Die Assistenzsysteme werden immer mehr. Brauchst du alle davon? ABS ist ein gutes Beispiel. Das macht total Sinn, weil es ein Sicherheitspuls ist. Bei den meisten anderen Dingen ist es aber eher ein „nice to have“. Als Anfänger brauchst du kein einstellbares Motorbremsmoment und auch eine Driftkontrolle ist eher unnötig, glaube ich. Ob bei 48 PS eine Traktionskontrolle nötig ist, musst du entscheiden. Aber mit etwas Gefühl sind auch mehr als 100 PS im Regen fahrbar, zumindest war das so, als ich angefangen habe. Blipper und Quickshifter bieten einen gewissen Komfort, sind aber kein Muss. Wenn du auf Technik stehst und eines der Modelle in deinem Budget ist, dann nur zu. Wenn du lieber puristisch unterwegs bist oder deine Prioritäten anders setzt, ist das auch gut. Denke aber daran, dass die Elektronik dich unterstützen soll und nicht ablenken. Achte deshalb auf die Features, die die Sicherheit erhöhen, und lass dich nicht von Spielereien ablenken. Außerdem sind manche Helfer auf der Straße oft sinnlos.
Mein Fazit:
Wenn du dir ein Anfängermotorrad kaufst, gibt es ein paar Punkte, die du dir ansehen solltest. Aber das Allerwichtigste ist, dass du dich auf dem Motorrad wohlfühlst. Der Markt ist riesig, da wirst du bestimmt etwas Passendes finden. Aber mach nicht den Fehler, dir nur ein Modell von einem Hersteller anzusehen. Schau dich auf Messen und bei Probefahrt-Events um, um verschiedene Konzepte kennenzulernen. Ich weiß, dass du schon ein paar Modelle im Kopf hast. Aber vielleicht hilft dir dieser Text ja bei deiner Entscheidung. Außerdem ist am Anfang die Gefahr für einen Umfaller meist größer, da du noch nicht so geübt bist um Umgang mit einem Motorrad, daher ist ein gebrauchtes Motorrad sinnvoller als ein ganz neues Motorad Natürlich sollte das erste Motorrad möglichst perfekt sein, aber sei dir bewusst, dass sich deine Anforderungen im Laufe der Zeit verändern können. Jedes Jahr kommen zig neue Modelle auf den Markt und teilweise auch ganz neue Motorradgattungen. Mein letzter Tipp wäre, dich nicht auf die ganz extreme Variante zu stürzen und am Anfang lieber etwas gemäßigtes zu wählen. So kannst du sicher sein, dass du nicht ein Motorrad kaufst, das dich am Ende enttäuschen wird. Wenn du dann mehr Erfahrung gesammelt hast, weißt du auch besser, was genau du eigentlich willst.
